Veröffentlicht von: Hard Rock & Metal HAMMER
Interviewer: Matthias Mineur
Veröffentlicht: August 2002




IM KREUZVERHÖR

MANOWAR sind mit WARRIORS OF THE WORLD auf VIVA zu sehen, standen in den deutschen Album-Charts direkt hinter Eminem und spiel(t)en bei Top Of The Pops sowie demnächst auf der Popkomm-Gala. Der Erfolg wirft kritische Fragen auf. JOEY DEMAIO stellte sich ihnen.

Eines vorweg: Kritik ist kein Zeichen von Blasphemie. Gerade die grössten Fans sollten ihren Idolen die kritischsten Fragen stellen dürfen. Nicht jeder muss ein übermässiger Manowar-Fan sein, doch er sollte sich über den Erfolg ihres aktuellen Albums WARRIORS OF THE WORLD freuen, denn der hilft der gesamten Metal-Szene. Ob man deswegen bei Top Of The Pops auftreten muss, sei allerdings dahingestellt. Wir trafen uns mit Joey DeMaio, um mit ihm einige merkwürdige Phänomene zu diskutieren. Dabei zeigte sich, dass der Manowar-Boss toleranter mit argwöhnischen Fragen umgeht als viele seiner Fans.

Joey, welche Ursachen gibt es für den überraschenden Erfolg?
Keine ahnung. Wir haben wie immer ein Album aufgenommen, das wir stolz unseren Fans präsentieren. Aber das war nie anders. Manowar haben schon immer hundert Prozent gegeben.

Also eher Zeitgeist als neuer Ansatz?
Du kannst dir jedes Manowar-Album herauspicken und findest immer das Bestmögliche, das wir in der jeweiligen Situation zu bieten hatten. Nimm das Debüt, ach, egal welches Album: Immer sind es Hymnen für die Fans.

Hat eure Plattenfirma Erklärungsmodelle für den Erfolg?
Sie sagen, dass der Auslöser das tolle Album ist. Ich jedoch denke, dass alle Manowar-Werke grossartig sind und sich so gesehen nichts geändert hat. Wenn du mich nach dem wahren Grund fragst: Die aktuelle Metal-Szene ist total langweilig. Die Bands nerven, die Musik nervt, und plötzlich kommen wir daher und bieten etwas, das die Fans lieben. Songs, die man nicht mitsingen kann, Hymnen, die im Ohr bleiben, Musikalität, Attitüde.

Besteht die Gefahr, dass der Metal durch eure Charts-Platzierung seine Bedeutung für den Undergruond verliert?
Nein, denn die Szene hat ja gar nicht den Erfolg, sondern nur Manowar.

Aber ihr seid ein Teil davon und rangiert plötzlich direkt hinter Eminem!
Ja, aber das war früher bei Kiss und Aerosmith auch so. Sie haben, genau wie Manowar, eine eigene Identität. Wenn du Kiss sehen willst, musst du dir ein Kiss-Ticket kaufen. Wer vier wilde Burschen sehen möchte, die voll Hingabe ihre laute Musik spielen, muss sich ein Manowar-Ticket kaufen. Wir haben davon geträumt, wie Led Zeppelin zu werden, die ihren eigenen Stil, ihr eigenes Publikum haben und keine Kompromisse eingehen müssen.

War euer Auftritt bei Top Of The Pops also kein Zugeständnis an kommerzielle Gesichtspunkte?
Nein, warum denn?

Weil ihr zwischen all den Retorten-Püppchen nichts zu suchen habt. Ihr könnt euch da nicht wirklich wohlgefühlt haben...
Doch, und ich sage dir auch warum: Wir spielten gestern auf dem Roskilde-Festival, mitten am Tag, ohne richtige Monitoranlage und mit jeder Menge technischer Probleme. Aber wir spielten für die Fans! Ich erinnere mich an einen Auftritt in einem Kuhstall 1986 in Holland. Es stank erbärmlich und regnete durch die Decke, abe rauch da fühlte ich mich wohl, denn wir spielten für unsere Fans. Und so verhält es sich auch mit Top Of The Pops. Mich interessiert es nicht, ob es eine Pop-Sendung oder eine Heavy Metal-Show ist. Sie hatten die Eier, uns in ihre Show einzuladen. MTV hatten dies nicht. Wenn ich also urteilen müsste, würde ich sagen: Top Of The Pops brachte den Heavy Metal zu den Fans, MTV tat dies nicht, sie kriegten ihren Arsch nicht hoch. Wer hat also die Eier?

Sympathisierst du mit der Sendung?
Nein, überhaupt nicht. Top Of The Pops spielen massenhaft übelste Musik, aber sie liessen auch Manowar spielen. Warum also soll ich auf diese Leute schimpfen? Zumal sie uns volles Licht und volles Equipment gaben. Sie sagten: Ihr seid Manowar, also macht das, was ihr immer macht. Genau das taten wir - und spielten live. Kannst du dir die Lautstärke vorstellen? (lacht)

Du würdest aber nicht ernsthaft behaupten wollen, dass ihr in dieses Umfeld gehört?
Nein, wir passen fast nirgendwo hin, aber wir spielen trotzdem.

Auch auf der Popkomm-Gala? Angeblich seid ihr eingeladen worden.
Stimmt, und weisst du was: Wir gehen hin und spielen unseren verdammten Heavy Metal. Ich weiss, dass dort konservative Leute herumrennen werden, die Manowar hassen. Okay Jungs, wir hassen euch auch! Aber ihr könnt uns nicht davon abhalten, unsere Musik zu spielen!

Und auch da wirst du dich wohlfühlen?
Natürlich, denn auch dort spielen wir für die Fans, die uns hören wollen. Bei jedem Manowar-Konzert gibt es Leute, die anfangs skeptisch sind. Am Ende verschwinden sie entweder oder sie stehen in erster Reihe und recken ihre Hände in die Höhe. Ich will, dass die Arschlöcher abhauen, damit die coolen Leute ihren Spass haben.

Also das bekannte Motto "Whimps and posers leave the hall". Passt dazu euer geschniegelter Studio-Sound?
Wie?

Am Schlagzeug-Klang ist nicht viel Ehrliches dran. Der ist komplett getriggert.
Möchtest du den bestmöglichen Sound oder möchtest du ihn nicht?

Ich trage auch nicht den Stern der unbedingten Wahrhaftigkeit an der Brust.
Was heisst denn das?

Das heisst, dass etwa Running Wild für eine solche Vorgehensweise in der Kritik stehen, weil sie nicht zu der von euch selbst aufgerufenen Philosophie des "wahren Metal" passt.
Bei uns ist alles eigenhändig gespielt, nichts kommt aus dem Drum-Computer. Lediglich der Sound ist eine Kombination aus Natur-Sounds und Trigger-Signalen. Das ist heutzutage notwendig, um eine zeitgemässe Produktion zu gewährleisten.

Zugeständnisse an die Marktmechanismen?
Wir haben diese Entwicklung vorangetrieben.

Aha?
Ja, wir arbeiten schon seit 1984 so, waren stets Vorreiter neuer Technologien, ausserdem die erste Heavy Metal-Band, die digital aufnahm und die erste, die eine Metal-CD veröffentlichte. Technologie war für uns schon immer wichtig. Noch einmal: Loyalität zu unseren Fans bedeutet, ihnen das bestmögliche Resultat zu präsentieren. Wäre es fair, mit alten Gitarrensaiten in einem maroden Studio aufzunehmen? Nur weil jemand behauptet, das sei cool? Wichtig ist doch nur, dass die Fans glücklich sind.

Unglücklich sind sie zur Zeit mit eurer Homepage. Ausser einem langweiligen Bildschirmschoner gibt es kaum etwas umsonst. Geldschneiderei?
Nein, aber das Problem ist uns bekannt und wird geändert. Es gibt demnächst Songs zu hören, kostenlose Bildschirmschoner, Fotos und so weiter. Bitte teile den HAMMER-Lesern mit: Alle Ideen sind herzlich willkommen. Tragt Wünsche und Anregungen auf unserer Website www.manowar.com ein!

Weshalb seid ihr in Amerika quasi bedeutungslos?
Weil Amerika unter der Fuchtel dieser Scheiss-Radiostationen und MTV steht. Dennoch spielen wir dort, und die Fans haben ihren Spass. Leider herrscht drüben eine geradezu klaustrophobische Atmosphäre im Musik-Business.

Wird der Funke von Europa nach Amerika überspringen?
Darauf warte ich schon seit 20 Jahren und vermutlich auch noch weitere 20 Jahre. Doch man darf die Hoffnung nie aufgeben, denn die amerikanischen Fans sind wirklich loyal. Leider stehen sie unter der Hirnkontrolle von MTV.

Wo ihr nicht stattfindet, weil euer aktuelles Video zu altmodisch ist?
Das haben die Kritiker schon in den Achtzigern behauptet, da wir uns nicht mit nackten Frauen am Swimmingpool filmen liessen. Uns ist das egal. Dieses Video beschreibt die Stimmung des Songs und zeigt die Band so, wie sie ist.

Allzu viel Geld stand wohl nicht zur Verfügung?
Natürlich hätten wir gerne das Budget, um wie Michael Jackson ein 20-minütiges Video mit Fantasy-Elementen zu drehen. Andererseits würde ich es dann lieber in die PA und ins Licht stecken und damit auf Tournee gehen.

MATTHIAS MINEUR



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